Bild und Text: Ilo Patras 2026 - gefunden auf fb
Kastration - der blinde Fleck
Wir leben in einer Zeit, in der wir die Tierhaltung bis ins kleinste Detail perfektionieren. Wir machen uns einen furchtbaren Druck an fast allen Stellen, die Hundehaltung und Hundetraining auch
nur streifen.
Wir analysieren Futterdeklarationen wie wissenschaftliche Abhandlungen, diskutieren über die ideale Härte und Qualität von orthopädischen Hundebetten und sind bereit, für das Wohl unserer Tiere
z.B. allein im Jahr 2024 rund 7 Milliarden Euro auszugeben (Deutschland).
Und wenn heute jemand ein Foto seines Hundes postet und sich naiv aber stolz über das was man darauf sieht freut, jedoch z. B. die Krallen auf diesem Foto der Plattformgemeinschaft viel zu lang
erscheinen, der muss mit einem digitalen Fegefeuer
rechnen.
Die Urteile über vermeintliche Tierquälerei sind schnell gefällt und absolut gnadenlos.
Wir überwachen und optimieren alles: die Ergonomie des Geschirrs, die Zusammensetzung der Leckerlis, die Auslastung des Gehirns usw. Für alles gibt es feste Vorstellungen und eine Norm, wie alles
zu sein hat.
Doch inmitten dieser obsessiven Fürsorge klafft eine riesige Lücke. Es gibt einen Punkt, an dem die kritische Auseinandersetzung plötzlich aufhört und die kollektive Aufmerksamkeit
erlischt.
Wenn es um Kastration geht, scheint der Verstand Pause zu machen oder machen zu wollen. Da, wo wir sonst jedes noch so kleine Risiko abwägen, wird bei diesem massiven Eingriff plötzlich
weggeschaut. Es ist der blinde Fleck unserer modernen Tierliebe.
Was bei den Konsequenzen dieses Eingriffs oft vergessen wird ist, dass Hoden und Eierstöcke kein verzichtbares 'Zubehör' sind, sondern die physischen und
psychischen Anker eines Tieres. Die dort produzierten Hormone, wie Testosteron, Progesteron und Östrogen, haben wichtige Aufgaben, die man völlig ignoriert:
Sie sind wirklich ein psychischer Anker:
Testosteron und Östrogen geben dem Hund psychische Stabilität. Sie sind eng mit dem Serotoninspiegel verbunden. Fällt dieser hormonelle Anker weg, bleibt die emotionale Entwicklung oft einfach
stecken. Oder noch schlimmer: Ängstlichkeit und Vorsicht verstärken sich massiv, weil das chemische „Rückgrat“ fehlt. Gerade kastrierte Tierschutzhunde, die oft traumatisiert sind, kämpfen dann
umso mehr mit dieser Situation.
Die körperliche Architektur:
Diese Hormone steuern, wann die Wachstumsfugen der Knochen sich schließen. Wer zu früh kastriert, riskiert großwüchsige, aber instabile Knochenstrukturen. Rüden wirken verweiblicht und haben oft
einen fragileren Knochenbau.
Das Gehirn im Umbau:
Während der Pubertät ist der Hundekopf eine riesige Baustelle. Hormone sind hier die Bauleiter. Entzieht man sie mitten im Prozess (ob mit einem Chip oder physischer Kastration), bleibt der Hund
in einem Zustand der Unfertigkeit im juvenilen Stadium – ein ewiger Teenager, der nie lernt, Reize wirklich erwachsen zu verarbeiten oder die Welt als ein erwachsener Hund zu erleben.
Was veranlasst uns denn eigentlich, unsere Hunde unters Messer zu legen?
Die Entscheidung zur Kastration fällt selten aus einer echten medizinischen Notwendigkeit, die es natürlich durchaus gibt.
Untersuchungen aus modernen Studien, wie z. B. der von Gansloßer, zeigen ein klares Bild. Wir lassen unsere Hunde oft kastrieren, weil es zum "guten Ton" der modernen Tierhaltung gehört. Es hat
sich eine soziale Norm etabliert, die den Eingriff als Akt der Verantwortung verkauft. Kurz - wer seinen Hund "ganz" lässt, gilt schnell als fahrlässig.
Dahinter steckt oft der Präventions-Mythos. Die tiefe Überzeugung, man könne durch die Entfernung der Keimdrüsen Krankheiten wie Krebs sicher vermeiden, während die massiven biologischen Kosten
für das endokrine System und die psychische Stabilität des Hundes ignoriert werden.
Zusätzlich treibt uns der Wunsch nach nahtloser Sozialverträglichkeit und der Druck der Gesellschaf an. Ein Hund in der Stadt muss PERFEKT funktionieren. Hier wird die Kastration als
vermeintliche Abkürzung genutzt, um Verhaltensweisen "glattzubügeln". Man hofft auf einen Hund, der weniger aneckt, weniger reagiert und schlichtweg einfacher zu handhaben ist. Und in diesem
Punkt ist das Ziel auch oft erreicht. **
Doch diese gewonnene Funktionalität ist letztendlich eine reine hormonelle Dämpfung. Der Hund wird nicht souveräner, er wird lediglich reaktionsärmer, weil der biologische Antrieb fehlt. Ein
hoher Preis für eine Ruhe, die auf Kosten der Persönlichkeit geht.
Hier verlassen wir vorübergehend einmal den Bereich der reinen Biologie und müssen uns einer ethischen Frage stellen:
Inwieweit rechtfertigt unser Wunsch nach einem reibungslosen Alltag diesen massiven Eingriff in die Integrität eines anderen Lebewesens, den wir Freund nennen?
Die Probleme fangen doch schon bei der Auswahl des Hundes an. Wir suchen uns einen Hund nach der Optik aus, ohne uns ehrlich zu fragen, ob wir diesem Tier überhaupt ein Leben bieten können, in
dem es leben kann und nicht funktionieren muss.
Wir holen uns Arbeitstiere oder auch mental starke Kraftpakete in die Stadt und sperren sie in eine Vierzimmerwohnung. Wir verlangen von dem Hund, dessen Instinkte z. B. auf Freiheit oder das
Bewachsen von Haus und Hof programmiert sind, dass er acht Stunden lang stumm in der Ecke liegt, und das als polyphasischer Schläfer. Wir sind dann 8-10 Std. aus dem Haus, denn "es muss ja jemand
das Hundefutter verdienen".
Dass das aber für das Tier kein Zuhause ist, sondern Isolation, wird nicht bedacht.
Der Hund wird hier zum Opfer purer Selbstüberschätzung. Wir wollen das Statussymbol oder den "geretteten" Hund aus dem Tierschutz, sind aber weder bereit noch fähig, ihm den Platz, die Zeit oder
die Führung zu geben, die er braucht.
Wenn der Hund in der Betonwüste dann durchdreht oder vor Frust die Wände hoch geht, zubeißt oder sonstige Reaktionen zeigt, ist das kein Fehlverhalten - es ist das logische Ergebnis einer
Haltung, die ihm nicht gerecht wird.
Wir muten diesen Tieren ein Leben zu, das sie niemals führen sollten, und wundern uns dann, wenn sie nicht funktionieren wie ein Stofftier.
Die gesundheitliche Quittung - wenn der Körper des Hundes den Preis bezahlt:
Wir reden uns ein, es sei "nur ein kleiner Eingriff" und meinen aber damit das, in unseren Breiten, geringe OP-Risiko. Wir ignorieren aber, dass wir damit eine Lawine lostreten.
Die medizinische Realität: Nachteile der Kastration
Stoffwechsel & Schilddrüse:
Die Stoffwechselrate sinkt massiv, das Risiko für eine Schilddrüsenunterfunktion steigt um 30%. Das Risiko für Adipositas steigt um 50-100%.
Herz-Kreislauf-System:
Durch Verfettung und die Schilddrüsenunterfunktion wird das Herz chronisch überlastet. Die Belastung für das Herz steigt also proportional zum Übergewicht, natürlich nur ,wenn vorhanden, um bis
zu 100%.
Inkontinenz:
Das Risiko für dauerhafte "Undichtigkeit" liegt bei Hündinnen (je nach Rasse) bei bis zu 30%. Aber auch Rüden können, besonders im Alter, massiv davon betroffen sein.
Kognitiver Abbau:
Die Gehirnalterung beschleunigt sich ohne den Schutz der Geschlechtshormone; das Risiko für Demenz und Desorientierung steigt messbar an.
Hormonsystem (Nebenniere):
Das Risiko für eine chronische Überlastung der Nebennieren (Cushing-Syndrom) nimmt zu, da diese versuchen, den Hormonmangel auszugleichen.
Orthopädische Auswirkungen:
Das Risiko für Kreuzbandrisse steigt um 200% - 300%. Das Risiko für Hüftdysplasie (HD) verdoppelt sich (100% Steigerung) bei großen Rassen.
Krebs:
Blasen- und Prostatakrebs:
Das Risiko für bösartigen Blasenkrebs (Übergangszellkarzinom) steigt um 200% bis 400%. Bei Rüden steigt das Risiko für hochaggressiven Prostatakrebs signifikant an. Eine Kastration verhindert
Prostatakrebs nicht, sondern fördert ihn.
Hämangiosarkom (Gefäßkrebs Milz&Herz):
Das Risiko für Tumore an der Milz steigt um das 4-fache (400%), am Herzen bei Hündinnen sogar um das 5-fache (500%). Es ist ein unheilbarer, innerer Killer.
Osteosarkom (Knochenkrebs):
Studien zeigen, dass bei kastrierten Hunden bis zu 25% an diesem extrem schmerzhaften Krebs erkranken - um 1/4 mehr als bei unkastrierten Hunden.
Eine chemische Kastration bringt übrigens dieselben Folgen, wie eine physische.
Die physiologische Grundlage der Hormonsteuerung ist bei allen Säugetieren - und somit auch bei Mensch und Hund - nahezu identisch.
Die Keimdrüsen produzieren dieselben Botenstoffe wie Östrogen, Progesteron und Testosteron, die über dieselben Rezeptoren an fast jedem Organ im Körper andocken. Fällt diese Steuerung weg,
reagiert das System auf zellulärer Ebene bei beiden Arten mit
denselben pathologischen Veränderungen. Die Knochendichte sinkt, das Bindegewebe verliert an Elastizität, der Stoffwechsel verlangsamt sich und die vaskuläre Integrität
(die Gesundheit der Blutgefäße) wird geschwächt, z. B..
Klinische Studien am Menschen, insbesodere aus der Onkologie (Hormonenzugstherapie), bestätigen, dass diese Prozesse und die daraus resultierenden Folgeerkrankungen eine direkte, messbare
Konsequenz des Hormonmangels sind und sich eins zu eins in der Veterinärmedizin beim kastrierten Hund widerspiegelt.
Wenn die physischen Auswirkungen und die klinischen Befunde bei Mensch und Tier derart deckungsgleich sind, ist es da nicht naheliegend, diese Parallele auch auf das zu übertragen, was wir nicht
unmittelbar sehen können? Es spricht alles dafür, dass die biochemische Identität nicht an der Grenze zum psychischen Befinden Halt macht.
Was wir Menschen kommunizieren können, ist ein handfester körperlicher Ausnahmezustand. Die Betroffenen klagen über pochende Kopfschmerzen, Schüttelfrost-Attacken oder Schweißausbrüche. Sie
leiden unter massiven Schlafstörungen und bleierner Müdigkeit, die auch nach Stunden Ruhe nicht verschwindet. Die Nerven liegen buchstäblich immer wieder blank, Geräuschempfindlichkeit und eine
innere Unruhe, die dann schwer zu ertragen ist.
Auch wenn der Hund uns nicht sagen kann, dass ihm der Kopf dröhnt oder ihm alle Geräusche viel lauter vorkommen, dass er nicht mehr gut zur Ruhe kommt und es ihn einfach mehr Konzentration
kostet, das "öfter Pipi müssen" zu unterdrücken,
deutet jede biologische Logik darauf hin, dass er diese körperlichen Qualen mit aller Wahrscheinlichkeit exakt so durchleidet.
Ich als Frau im entsprechenden Alter, weiß, was das bedeutet und wie sich das anfühlt. Nur wurde mein Körper über Jahre darauf vorbereitet bzw. der Prozess war ein schleichender. Ein Hund wird
nach einer Kastration zukünftig keine Hormone mehr
produzieren können, von heute auf morgen.
Vorteile der Kastration:
Hodenkrebs beim Rüden:
Hodenkrebs kommt bei 7% der intakten Rüden vor. Das Wichtigste: Über 90% dieser Tumore sind gutartig oder metastasieren extrem langsam. Die Heilungschance durch eine einfache OP liegt bei fast
100%, selbst wenn der Tumor erst im Alter auftritt.
Gebärmutter- und Eierstockkrebs:
Diese Krebsarten sind extrem selten und betreffen weniger als 0,5% aller unkastrierten Hündinnen. Das Risiko ist hier also fast vernachlässigbar klein, um dafür den gesamten Hormonhaushalt zu
zerstören.
Gesäuge-Tumore (Mammatumoren):
Das Risiko für bösartige Tumore liegt bei etwa 3,4%. Diese lassen sich durch regelmäßiges Abtasten der Milchleiste sehr früh erkennen. Frühzeitig entdeckt, ist die chirurgische Entfernung
meistens lebensrettend und der Hund vollständig geheilt.
Gebärmutterentzündung (Pyometra):
Jede vierte Hündin (25%) kann das im Laufe des Lebens bekommen. Aber es ist kein Todesurteil. Wer seinen Hund kennt, bemerkt die Symptome (viel Trinken, Schlappheit). Eine OP entfernt das Problem
dauerhaft und die Hündin ist danach wieder gesund.
Perianaldrüsentumore:
Diese treten fast nur bei alten Rüden auf. Sie sind fast immer gutartig und mechanisch gut operierbar, wenn sie den Hund stören sollten.
Fazit:
Man kastriert, um Krankheiten zu vermeiden, die entweder kaum vorkommen (unter 1%) oder die man durch einfaches Hinsehen und Abtasten frühzeitig erkennen und zu fast 100% operativ heilen
kann.
Dafür nimmt man aber die oben genannten Risiken in Kauf (bis zu 25% Knochenkrebs oder 500% Milzkrebs), die man nicht sieht, nicht rechtzeitig fühlen und fast nie heilen kann.
Der Hormon-Chip (Kastrations-Chip):
Keine sanfte Alternative, sondern die selbe Gefahr (auf Zeit)
Oft wird der Chip als "Test" oder harmlose Lösung verkauft, doch das ist ein gefährlicher Irrtum:
Identische Zerstörung:
Die Wirkung auf den Organismus ist exakt dieselbe wie bei einer physischen Kastration. Der biologische Schutzschild wird komplett abgeschaltet - mit allen gesundheitlichen Risiken für den
Stoffwechsel und die Organe.
Einsatz in der Pubertät:
Setzt man den Chip einem jungen Hund ein (z.B. mit einem Jahr), greift man auch hier identisch massiv in die wichtigste Reifephase von Körper und Geist ein. Diese Entwicklung ist ein Zeitfenster,
das sich schließt. Was hier durch den künstlichen Hormonentzug verpasst wird, kann der Hund niemals wieder nachholen. Er bleibt körperlich und psychisch "stecken". In diesem Sinne ist der Schaden
eben nicht
reversibel.
Hormonelles Chaos:
Die massiven Schwankungen, die der Körper durchmacht, wenn der Wirkstoff einsetzt und später wieder ausschleicht, bedeutet enormen Stress für das Tier. Es ist eine hormonelle Achterbahnfahrt, die
besonders bei erwachsenen Hunden oft zu schweren Wesensveränderungen führt.
Der Chip ist keine Rechtfertigung für eine Kastration, sondern oft nur der Anfang vom Ende der körperlichen und psychischen Unversehrtheit des Hundes.
Grundsätzlich gilt, für einen gesunden Hund im normalen Alltag, ist weder eine Sterilisation noch eine Kastration nötig. Solange keine echte medizinische Indikation vorliegt.
§ 1 TierSchG (Grundsatz) (Deutschland)
„Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund
Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ ***
Wer sich eine Hündin anschafft und sich dann an der Läufigkeit oder dem Blut stört, sollte seine Entscheidung hinterfragen; in einem solchen Fall wäre eventuell ein Rüde die bessere Wahl gewesen.
Diese biologischen Abläufe gehören zum Wesen und zur Natur des Hundes dazu, und wir als Halter sollten den Anstand und Respekt haben, das zu akzeptieren.
Eine alternative Lösung im Fall der Verhütung: Die Sterilisation
Wenn es rein darum geht, ungewollte Welpen zu verhindern - zum Beispiel im Tierschutz - gibt es einen Weg, der den Hund nicht potenziell krank macht:
Die Sterilisation.
Was wird gemacht?
Beim Rüden werden die Samenleiter, bei der Hündin die Eileiter operativ unterbrochen. Die Keimdrüsen (Hoden/Eierstöcke) bleiben im Körper. Die Hormone bleiben erhalten und der Hund behält seinen
biologischen Schutzschild.
100%ige Sicherheit:
Die Sterilisation ist absolut sicher. Die Leiter werden nicht nur durchtrennt, sondern es wird ein Teilstück von 1-2 cm komplett entfernt. Die Enden werden chirurgisch verödet, umgeklappt und
vernäht. Ein Zusammenwachsen ist physisch unmöglich.
Keine der oben genannten Krebs-Risiken oder Stoffwechsel-Schäden treten auf. Der Hund bleibt in seinem Wesen stabil und körperlich geschützt. Wer sicher keinen Nachwuchs möchte, kann diesen Weg
wählen. Es ist der einzige Weg, Verantwortung zu übernehmen, ohne die Gesundheit des Hundes zu opfern.
Warum sagt mir das mein Tierarzt nicht?
Das ist die häufigste Frage - und die Antwort ist vielschichtig, ohne dass man den Tierärzten pauschal einen Vorwurf machen kann:
Die enorme Breite der Ausbildung:
Man muss sich klar machen, dass die Tiermedizinische Ausbildung vermutlich die intensivste und breiteste ist, die es überhaupt gibt.
Ein Tierarzt muss kein Fachmann für nur eine Spezies sein; er muss alles beherrschen - vom Wellensittich über die Katze, Pferd, Rind,Reptil bis hin zum Hund. Diese gewaltige Stofffülle verdient
höchsten Respekt.
Kastration als "Goldstandard" im Studium:
Aufgrund dieser enormen Breite wird im Studium bei der Fortpflanzungskontrolle meist nur der eine, gängige Weg gelehrt: die Kastration.
Sie gilt als die "saubere", endgültige Lösung. Die Sterilisation (der Erhalt der Keimdrüsen) ist in der universitären Lehre oft nur eine "Randnotiz" und wird in der Praxis kaum geprüft oder
vertieft.
Präventio vs. Risikoabwägung:
Viele ältere Tierärzte haben noch gelernt, dass die Kastration eine Vorsorgemaßnahme gegen Mammatumore (Gesäugekrebs) ist. Das stimmt zwar technisch, aber neuere Studien zeigen eben auch, dass
man dafür das Risiko für viel aggressivere Krebsarten (Herz, Milz, Knochen) einkauft. Dieses Wissen aus der aktuellen Forschung braucht oft Jahre, bis es den Weg aus den Laboren in jede einzelne
Praxis findet.
Der Wunsch der Kunden:
Oft sind es die Tierhalter selbst, die den Tierarzt unter Druck setzen. Sie wollen "Ruhe" vor Dingen wie Läufigkeit oder dem Markieren. Ein Tierarzt, der eine Sterilisation vorschlägt, riskiert,
dass der Kunde unzufrieden ist, weil die Hündin trotzdem noch blutet. Die Kastration gilt aktuell noch als "Komfort-Lösung" für den Menschen, leider nicht für das Tier.
Dein Tierarzt ist also kein schlechter Mediziner oder "geldgeil", wenn er dir die Sterilisation nicht anbietet. Zumal die Kosten für eine Sterilisation im selben Bereich wie die Kosten für eine
Kastration liegen, manchmal kostet es sogar noch einen Tick mehr.
Der Tierarzt folgt oft nur dem Standard, den er in einer der härtesten Ausbildungen der Welt gelernt hat.
Es liegt an Haltern, gezielt nach moderneren, hormonbehaltenden Alternativen zu fragen.
Fazit:
Wir müssen uns ehrlich fragen, ob wir nicht oft versuchen, den Hund chirurgisch an eine Gesellschaft anzupassen, die kaum noch Raum für echtes tierisches Verhalten lässt.
In vielen Hundeschulen und in weiten Teilen unserer Gesellschaft herrscht heut der Anspruch, dass jeder Hund jederzeit "nett" und mit jedem Artgenossen verträglich sein muss. Die Kastration wird
dann oft als Lösung genutzt, um einen Hund "glattzubügeln" oder zu "entschärfen" und ihn im Alltag bequemer zu machen.
Doch wahre Verantwortung beginnt nicht erst beim Tierarzt, sondern schon bei der Entscheidung für einen Hund. Wer sich heute ein Tier nur nach der Optik aussucht, ohne die Genetik und die
Bedürfnisse der jeweiligen Rasse zu verstehen, landet schnell in der
Überforderung. Ein Arbeitshund, der keine Aufgabe hat, oder ein Individualist, der zur ständigen Anpassung gezwungen wird, lässt sich nicht durch ein Skalpell "reparieren".
Es gehört eine gewisse Bildung und die Bereitschaft zur echten Auseinandersetzung dazu, wenn man ein Lebewesen in sein Leben holt. Wer mit dem natürlichen Wesen eines Hundes und dessen
biologischen Grundlagen schlichtweg überfordert ist, sollte sich fragen, ob die Hundehaltung in diesem Moment der richtige Weg ist.
Es steht in keinem Verhältnis, die Gesundheit und das hormonelle System eines Tieres zu opfern, nur um eigene Fehlentscheidungen bei der Rassewahl oder mangelnde Erziehung zu kompensieren.
Ein Hund ist ein Lebewesen mit Ecken und Kanten, kein Accessoire. Echte Liebe bedeutet, das Wesen des Hundes zu akzeptieren und ihn mit Sachverstand zu führen, statt ihn durch einen massiven
Eingriff stumpf zu machen.
Natürlich entscheidet das am Ende jeder für sich selbst - aber man sollte sich wirklich fragen, ob man den bequemsten Weg wählt oder denjenigen, der der Biologie des Tieres den Respekt zollt, den
er verdient hat.
(C) 2026 Ilo Patras
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Quellenangabe:
- Hart, B. L., et al. (2020).
Assessing Risk of Joint Disorders, Urinary Incontinence, and Cancers in Mixed-Breed Dogs in Relation to Age of Neuterin. Frontiers in Veterinary Science.
-Zink, M. C., et al. (2014).
Evaluation of the risk and age of onset of cancer and behavioral disorders in Gonadectomized Vizlas. JAVMA.
-Torres de la Riva, G. et al. (2013).
Neuterin Dogs: Effects on Joint Disorders and Cancers in Golden Retrievers. PLOS ONE.
-Kaufmann, C. A., et al. (2017).
Die Kastration beim Hund - ein kontroverses Thema. Schweizer Archiv für Tierheilkunde
- McGreevy, P. D., et al. (2017).
Health and welfare of dogs in the UK. VetCompass.
- Schiffman, J. D. Breen, M. (2015).
Comparative oncology: what dogs and other species can teach us about humans with cancer. Phil. Trans. R. Soc. B.
** Anmerkung Rita Salomon, ZW-Trailers:
Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass, je nachdem, in welchem Stadium der Pubertät/Adoleszenz ein Hund sich bei einer «Früh-Kastration» (also einer Kastration vor Erreichen der adulten Phase) befindet, dies teilweise verheerende Auswirkungen auf seine Entwicklung haben kann: Viele Fähigkeiten, die der Hund an und für sich mitbringt (Genetik, Erfahrung), können sich nicht mehr optimal entwickeln, z.B. Konzentrationsfähigkeit, Frustrationstoleranz, allgemeine Lernfähigkeit.
Ein Hund ist – je nach Genetik (Rasse) und individueller Entwicklung bzw. individuellem Charakter - frühestens mit 1.5 – 3 Jahren (manchmal sogar noch später) erwachsen. (Quelle: Maren Grote)
*** Anmerkung Rita Salomon, ZW-Trailers:
Schweizer Tierschutzverordnung
In der Schweiz ist die Kastration von Hunden gemäss Art. 24b der Tierschutzverordnung erlaubt, um einer Fortpflanzung vorzubeugen. Aus rechtlicher Sicht ist das Kastrieren von Tieren insbesondere vor dem Hintergrund der durch das Tierschutzgesetz geschützten Würde des Tieres kritisch zu hinterfragen, die sich auch auf die ungestörte sexuelle Entwicklung und Empfindung eines Tieres bezieht. Nach der momentanen Rechtslage ist die Kastration aber dennoch erlaubt. Das Tierschutzrecht zählt zwar eine
Reihe von Eingriffen auf, die prinzipiell verboten sind. Die Kastration wird hiervon jedoch ausdrücklich ausgenommen. Es ist dabei aber immer der Würde und dem Wohlergehen des Hundes Rechnung zu tragen. Denn die Kastration ist ein massiver Eingriff und kann ungewollte Nebenwirkungen haben.
Eine Kastrationsentscheidung darf daher immer nur in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt getroffen werden. Auch die chemische Kastration ist ein bedeutender Eingriff in den Hormonhaushalt des Hundes.
Weiterführende Literatur:
Buchtipp:
Sophie Strodtbeck
"Sexualverhalten, Hormone, Kastration bei Hunden"
